Über Schnee, Chaos und Sorbet
Ein ganz kleines bisschen verspätet ein Update über Januar/Februar :)
Meine zwei Wochen
Weihnachtspause waren wirklich super. Zu Hause ist es einfach immer am
schönsten. Aber es ist auch gut, wieder hier zu sein. Die meisten Aufgaben
machen immer noch Spaß (ja, nicht alle – schließlich gibt es da immer noch Risk
Assessments…).
Größtenteils sind
die Aufgaben gleich geblieben. Ein neues Projekt war das Sortieren des Kellers
der NLCC. Beziehungsweise zweier Räume des besagten Kellers, denn der ist
riesig und man findet immer noch irgendeine versteckte Ecke. Diese Kirche ist
ein Labyrinth.
In einem dieser zwei
Räume befinden sich jede Menge Dosen und Tüten. Dort bewahrt die NLCC nämlich
die ganzen Vorräte für die Essenspakete auf, die sie für bedürftige Familien
zusammenstellt, sobald eine Anfrage eingeht. Der andere Raum war voll von
Säcken und Tüten und Beuteln und Boxen und Kartons voller Kleidung, hauptsächlich
Babykleidung, alle für den sogenannten „Swap Shop“, bei dem sich Eltern
kostenlos Secondhand-Kleidung aussuchen können. Das einzige Problem: die Hälfte
der Lebensmittel waren abgelaufen und in dem Raum mit der Kleidung konnte man
sich inmitten der Berge von unsortierten Klamotten kaum bewegen (und ja,
vielleicht übertreibe ich ein ganz kleines bisschen).
In der Children´s
Church in der NLCC haben wir mittlerweile drei Kinder. Immer noch nicht
wahnsinnig viel, aber Children´s Church macht trotzdem echt Spaß. Oder
vielleicht gerade deswegen, weil wir die Kinder gut kennen und uns mit jedem
einzeln viel unterhalten können. Ein Mädchen erzählt uns auch so gut wie jede
Woche, wie gern sie Children´s Church mag oder fragt, warum wir das nicht für
immer machen können, was echt niedlich ist.
Die ersten zwei
Wochen, die ich wieder da war, hat es dauerhaft geregnet. Aber wir hatten auch
einmal Schnee. Zwar nicht wirklich viel, aber es sah schön aus. Allerdings
wurde mir auch gesagt, dass ab ca. 5 cm Schnee die Schule ausfällt und niemand
mehr irgendwohin kommt. Also war es wahrscheinlich besser, dass es nicht mehr
geschneit hat. Obwohl – ein paar Tage von zu Hause arbeiten wäre auch nicht zu
verachten… Im Moment ist es meistens sonnig oder einfach bewölkt, aber es regnet
nicht viel. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Regen einzuwenden, er ist nur
nervig, wenn man irgendwo hinlaufen muss.
Wenn nicht genug
Schnee kommt und ich keinen freien Tag bekomme, dann streike ich einfach. Das
hier gerade in Mode, hab ich das Gefühl. Die Züge streiken ab und zu mal, was ein
bisschen nervig ist, und die Lehrer haben auch gestreikt. An dem Tag haben wir
in der NLCC eine extra Children´s Church Session gemacht, für die älteren
Kinder, die nicht zur Schule gehen konnten, damit sie nicht in der Session mit
den Babys rumrennen.
Hier zu sehen: die effektive Art, Josefs Mantel auszumalen.
Kurzer Einschub:
falls ihr zufällig irgendwann mal in Cardiff unterwegs sein solltet, kann ich
„Coco Gelato“ sehr empfehlen. Ich habe noch nie so viele spannende Eissorten
auf einmal gesehen und auch so viele Sorten Sorbet. Zu den meisten kann ich
keine Aussage treffen, aber das Ananas-Sorbet, das Blutorange-Sorbet und das
Schoko-Sorbet sind echt gut :) Und nein, leider habe ich für diese Werbung kein
Geld bekommen.
Freitags sind wir
immer noch in der Jugend in der River Church. Mittlerweile helfen wir auch mehr
mit, machen zum Beispiel ein paar Spiele oder so. Es macht immer Spaß und es
ist cool, wie viele jeden Freitag da sind. Die meisten gehen auch normalerweise
nicht zur Kirche.
Mit der Jugend in der Revive Church machen wir jetzt jeden Monat ein Special, im Januar war es eine Scavenger Hunt. Wir hatten zwei Teams, jedes Team hat eine Liste bekommen mit jeder Menge Gegenstände und dann hatten sie eine halbe Stunde Zeit, die in der Kirche zu finden. Es war echt lustig zu sehen, wie sie verzweifelt die Münze gesucht haben, die Maje an die Decke geklebt hat… Erst dachten wir, es würden nur vier Jugendliche kommen, weil nicht alle Zeit hatten, aber sie haben Freunde mitgebracht und im Endeffekt waren wir sieben. Ja, das klingt immer noch nicht viel, aber da wir nicht damit gerechnet haben, dass sie noch jemanden mitbringen und wir normalerweise in der Jugend auch höchstens sechs sind, haben wir uns echt darüber gefreut.
Professionell ausgedruckte Siegerschleife
Am Samstag findet das Special für diesen Monat statt. Diesmal lassen wir die Jugendlichen um die Wette Kuchen dekorieren. Auch dieses Mal haben wir sie wieder eingeladen, ihre Freunde mitzubringen – und plötzlich sind wir 15 oder 16 Leute. Ich muss schon sagen, dass mich das ein bisschen nervös macht. Die meisten der Freunde sind keine Christen, und ich will sie ja dann auch nicht „vergraulen“. Ihr könnte sehr gern dafür beten, dass das Special ein Erfolg wird und alle richtig Spaß haben!
Hm, was habe ich
noch vergessen? In der Revive Church hatten wir Taufen, das war richtig,
richtig cool. Und wir haben endlich WLAN in unserem Büro dort!
Das war´s für dieses Mal, bis zum nächsten Update! :)
Und als kleiner Bonus,
falls ihr Lust habt: ein absolut bezaubernder Text, verfasst aus lauter
Langeweile am Ende meiner sechs Stunden Wartezeit im Flughafen in Amsterdam.
Viel Spaß!
„Warum sind Schließfächer so versteckt?“, denke ich, schiebe
geschickt die Schuld für mein planloses Umherirren auf die Beschilderung und
den Grundriss des Flughafens und lenke von meinen mangelhaften Fähigkeiten in
Sachen Kartenlesen ab. Suche ich seit einer halben Stunde nach einem
Schließfach? Ja. Bin ich dabei mindestens fünfmal an der gleichen Stelle
vorbeigelaufen? Vielleicht. War das Absicht? Natürlich...!
Die Schließfächer, nach denen ich gesucht habe, sind
übrigens nach der Passkontrolle, an der ich gleich zu Anfang umgedreht bin,
weil ich der Meinung war, dass die Schließfächer doch wirklich davor sein
müssten. Tja.
In der Schlange für die Kontrolle sehe ich die Familie
wieder, neben der ich im Flugzeug saß. Haben die etwa auch eine halbe Stunde
lang Schließfächer gesucht?
Der Mensch an der Passkontrolle fragt mich, wohin ich will
und warum. Mit meinem inneren Auge schaue ich meinem Englisch nach, das sich
verabschiedet, nun, da es gefragt ist. Nur ein paar vereinzelte Wörter bleiben
und setzen sich widerwillig zu einem halbwegs vernünftigen Satz zusammen.
Der Typ gibt mir meinen Reisepass wieder. Dabei habe ich
höchst verdächtig lange überlegt, warum ich denn eigentlich nach Bristol will.
Wahrscheinlich traut er mir keinen Terroranschlag zu, wo doch nicht mal meine
Sätze klappen wollen.
Ich habe Schließfächer gefunden! Der Bildschirm weist mich
freundlich darauf hin, dass ich darauf achten soll, ob ich im richtigen Bereich
bin und später wieder an mein Gepäck drankomme. Da sich jedoch nicht herausfinden
lässt, wo hier die Züge abfahren (selbst Google Maps ist verwirrt, es liegt
nicht nur an mir), begrabe ich meine Abenteuerlust. Angesichts des drohenden
eventuellen Verlustes meines Gepäcks zieht sie den Kürzeren.
Ich finde einen Sitzplatz an der Flughafenbibliothek. Er ist
ganz besonders, nämlich ausgestattet mit einem sogenannten Tarnkissen. Sieht
aus wie ein Kissen, ist aber eigentlich ein Stück Holz. Mein Gesäß ist nicht
entzückt.
Ich krame nach meinem Essen und verlege mich auf die
unauffällige Beobachtung meiner Artgenossen. Durchaus interessant. Woher sie
wohl kommen? Wohin sie gehen? Wartet jemand auf sie? Haben sie jemanden
zurückgelassen? Und warum kommen sie alle nur einmal vorbei, bin ich denn die einzige
verwirrte Person hier?
Ich nehme mein Skizzenbuch und versuche die Umrisse der
Menschen zu skizzieren, die vorbeikommen. Ich gebe auf. (Was auch durchaus den
verstohlenen Blicken auf mein Gekritzle geschuldet ist - schließlich will ich
armen, erschöpften, neugierigen Reisenden die Enttäuschung ersparen).
Ich verbinde mich dem WLAN und schaue ein YouTube-Video. War
irgendwie spannender, als ich es gestern angefangen habe.
Der Protest meiner vier Buchstaben wird eindringlicher.
Ich verändere meine Position.
Ich starre Menschen an.
Ich starre auf mein Handy.
Ich fange ein Buch auf Wattpad an.
Es ist grauenhaft und unangenehm.
Ich versuche, mir eine bessere Geschichte zu überlegen, eine
mit weniger Fremdschamfaktor.
Ich scheitere.
Ich widme mich neuen Aktivitäten.
Ich observiere Zweibeiner.
Ich inspiziere Erdbewohner.
Ich bespitzle Staubgeborene.
Und ja, ich habe Synonyme für Mensch gegooglet.
Mein Allerwertester beginnt nervtötend zu jammern. Ich
befehle ihm zu schweigen. Er gehorcht nicht. Ich ignoriere ihn.
Ich spiele skribbl.io. Das WLAN schmeißt mich zweimal raus,
wenn ich gerade am Gewinnen bin. Ich rieche Sabotage.
Ich gebe sowohl meine skribbl.io-Karriere als auch meine weit
fortgeschrittene Mitmenschenforschung auf und mache mich auf den Weg zu meinem
Gate.
Mein Hintern triumphiert. Ich bringe ihn zum Schweigen,
indem ich mich auf einem komfortablen Plastikstuhl niederlasse. Ha. Er
beschwert sich wieder. Hoffen wir für ihn, dass die Sitze des Flugzeugs, in das
ich bald einsteige, weicher sind.
Sein Glück, dass ich so lange nach Schließfächern gesucht
habe. Obwohl - wenn er mittlerweile taub wäre, könnte er auch nicht mehr
jammern.










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